Wednesday, December 16, 2009

Einsamkeit / Loneliness (Rainer Maria Rilke)

Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen,
geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Regnet hernieder in den Zwitterstunden,
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
enttäuscht und traurig von einander lassen;
und wenn die Menschen, die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen:

dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen...



Loneliness is like the rain.
It climbs toward the evening from the sea;
and from the far-removed and distant plains,
it goes to heaven, which forever holds it.
And from the sky it falls onto the city.

It rains down in those in-between-time hours
when all the streets are turning to the dawn,
and when, with nothing found or gained, two bodies
downcast and saddened part from one another;
and when two people who despise each other
are forced to sleep together in one bed:

then loneliness flows with the rivers...

Tuesday, December 1, 2009

Poesie / Poetry (Justinus Kerner)

Poesie ist tiefes Schmerzen,
Und es kommt das echte Lied
Einzig aus dem Menschenherzen,
Das ein tiefes Leid durchglüht.

Doch die höchsten Poesien
Schweigen wie der höchste Schmerz,
Nur wie Geisterschatten ziehen
Stumm sie durchs gebrochne Herz.



Poetry is deepest rue,
And true music only came
From the heart of mortal who
With deep sorrow was aflame.

Yet the greatest poems are
Silent as the greatest pain;
Speechless, phantomlike they fare
Through a bosom cleft in twain.

Tuesday, November 10, 2009

Abschied / Parting (Rainer Maria Rilke)

Wie hab ich das gefühlt was Abschied heißt.
Wie weiß ichs noch: ein dunkles unverwundnes
grausames Etwas, das ein Schönverbundnes
noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.
Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,

das, da es mich, mich rufend, gehen ließ, 

zurückblieb, so als wärens alle Frauen

und dennoch klein und weiß und nichts als dies:
Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,

ein leise Weiterwinkendes-, schon kaum

erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum, 

von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.



How I have come to feel what parting is.
How I do know it still; a dark and strong
and cruel thing, that shows a lovely bond
to us once more and holds it out and tears it.
How I, without defenses, looked on that
which, calling to me as it let me go,
remained behind, as if it were all women,
and yet was small and white and was not so:
a wave, already meaning nought to me,
a gentle onward beckoning— already
scarcely definable: perhaps a plum tree
from which a cuckoo flew off hastily.

Friday, October 30, 2009

Herbst / Fall (Rainer Maria Rilke)

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh die andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.



The leaves are falling, fall as from afar,
as if in heaven distant gardens withered;
they fall with silent gestures of denial.

And in the nights the heavy earth falls down
from all the stars and into loneliness.

We all are falling. This my hand, here, falls.
And see the other: it is in them all.

And yet there still is One, who endlessly
tenderly holds this falling in His hands.

Herbsttag / Autumn Day (Rainer Maria Rilke)

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiel den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.



Lord: it is time. The summer has been vast.
Now down upon the sundials lay your shadows,
and on the meadows loose the winds at last.

Command late fruits to swell upon the vine;
grant them two days of southern balminess,
drive them to their fulfillment so, and press
the last sweet drops into the heavy wine.

He that is homeless now will homeless stay.
He that is now alone will long live so,
will wake, read, write long letters, and will go
walk up and down along the alleyway,
wandering restless as the dry leaves blow.

Wednesday, October 14, 2009

360 (Anacreon)

ὦ παῖ παρθένιον βλέπων
δίζημαί σε, σὺ δ' οὐ κλύεις,
οὐκ εἰδὼς ὅτι τῆς ἐμῆς
ψυχῆς ἡνιοχεύεις.

O boy with girlish gaze,
I long for you, unheard;
you know not that you guide
the chariot of my soul.

Thursday, September 10, 2009

An die jungen Dichter / To the Young Poets (Friedrich Hölderlin)

Lieben Brüder! es reift unsere Kunst vielleicht,
Da, dem Jünglinge gleich, lange sie schon gegährt,
Bald zur Stille der Schönheit;
Seyd nur fromm, wie der Grieche war.

Liebt die Götter und denkt freundlich der Sterblichen!
Haßt den Rausch wie den Frost! Lehrt und beschreibet nicht!
Wenn der Meister euch ängstigt,
Fragt die grosse Natur um Rath.


Dear brothers! our art will ripen, it may be—
Already, like a youth, long in fermenting—
Soon to stillness of beauty;
Be but devout, as the Greeks were.

Love the gods, and think kindly of mortal men!
Scorn both frenzy and frost; teach not, nor describe!
If your master affrights you,
Call on great Nature for counsel.